Kosten-Regulierungs-Massnahmen und Konsequenzen für Sie

Übersicht:

> Ausmass der Behandlung, Auflagen der Versicherungen

> So läuft der Arzt Gefahr

> Der Arzt und der (externe) Bemessungshammer

> Unsere Möglichkeiten (nicht in den Bemessungshammer zu laufen)

> Anhänge zu brenzligen Einzelpunkten

 

Folgende Aspekte sind für Sie und uns von grosser Bedeutung, damit Sie gewisse Verhaltensweisen der Ärzte verstehen. Einige Leser mögen vielleicht monieren, unter diesem Menüpunkt werde geklagt und gejammert. Dann liegen diese falsch: sie haben ihr Gefühl mit der Realität verwechselt (kommt vor...). Es wird nicht gejammert, es wird klargelegt. Weil diese Gegebenheiten echt leidende Patienten hart treffen, könnte es sie/Sie interessieren. Es hat darunter einige echt problematische Punkte.

Ihr Trost: wir haben diesen ermüdenden Hintergrund, bei dem man den Sinn oft suchen muss und der die Medizin ein Stück weit täglich begleitet, in allen andern Untermenüs ferngehalten.

 

Ausmass der Behandlung / Auflagen der Versicherungen

  • Im Krankenversicherungs-Gesetz steht: eine Behandlung hat wirtschaftlich und zweckmässig zu erfolgen und sich auf das Notwendige zu beschränken.
  • Das Behandlungs-Verhalten aller Ärzte pro Fachgruppe (zB Fachgruppe Allgemeinmedizin) wird zum Richtmass für jeden einzelnen Arzt dieser Fachgruppe. Dabei werden bei jedem Praxis-Arzt in der Schweiz seine verursachten Kosten jährlich an diesem Durchschnitts-Behandlungs-Verhalten gemessen. Liegt der Arzt in seinem Aufwand über dem Durchschnitt, bekommt er kleinere oder ganz grosse Probleme (davon mehr unten).
  • Mit dieser Regulierung will der Gesetzgeber bewusste unehrenhafte Auswüchse verhindern. Das ist an sich in Ordnung.

Dies vorab: Wenn die Konsultationen beim Grundversorger selten länger als 10min dauern und der Patient nur einfachste Probleme und nur geringe Ansprüche hat, gibt es keine Probleme. Dann sind  weitere Gedanken dazu kein Thema und Sie können das Nachfolgende übergehen. Für alle andern Fälle ergeben sich daraus für den Arzt gefährliche Konsequenzen - und für den Patienten echte Leidens-Situationen!

Was bedeutet:

  • wirtschaftlich und zweckmässig be-/handeln?
  • die Durchschnitts-Bemessungs-Kosten tief halten bzw senken?

> Zweckmässig heisst: die Therapie muss nützen, sie soll "anerkannt" sein. Wir gehen jetzt vom Fall des Grundversorgers aus, auch wenn dieser komplementär tätig ist (es gibt keine Fachgruppe „Komplementär-Medizin“).

> Etwas frei interpretiert heisst das: was viele machen, muss wohl gut und in Ordnung sein, ebenso was in Doppelblind-Studien bewiesen wurde. Eine Behandlung darf somit nicht übertrieben sein, eine sicherlich angebrachte Forderung.

> Keine Probleme hat ein Grundversorger wie eingangs erwähnt, wenn er stets die Patienten in kurzer Zeit durchschleust, Zeitaufwand und Abklärungsaufwand in engen Grenzen hält. Diese häufige Verhaltensweise prägt die Durchschnittskosten, an denen jeder Einzelne gemessen wird. Logischerweise trifft es engagierte Ärzte entsprechend hart. In einer darauf ausgerichteten Ärzte-Organisation werden diese Dinge besprochen und Gefahren und Lösungen aufgezeigt.

 

So läuft der Arzt Gefahr

> Geht ein Arzt aus idealistischen Gründen besonders intensiv und zeitaufwendig auf fast alle Patienten ein, missachtet er die Gebote „wirtschaftlich, zweckmässig, Beschränkung auf das Notwendige“ (denn das heisst: so wenig wie möglich [„das Notwendige“] tun in der kürzest möglichen Zeit). Er handelt also gesetzeswidrig und manövriert sich in höhere Kosten, welche ihm in der Durchschnittsbemessung zum Verhängnis werden (können). (à propos idealistische Gründe: siehe Anmerkung 1 ganz unten).

> Wenn ein Arzt dadurch mit seinen Kosten über dem Durchschnitt liegt, bekommt er einen Brief vom Krankenkassenverband mit der Aufforderung, seine Vorgehensweise zu überprüfen und die Durchschnitts-Kosten zu senken.

> Der Arzt wird daraufhin fürs Erste zur Not meist nicht mehr alle erbrachten Leistungen verrechnen und “freiwillig“ Dumping-Rechnungen schreiben. Er kommt so angesichts konstanter Infrastruktur-Kosten schnell in Zahlungsnot und zum Praxis-Konkurs (in der Zentralschweiz in den letzten Jahren gehäufte Fälle laut gut informierter Quelle).

Darüber reden Ärzte von sich aus natürlich nicht, darum hören Sie als Patient selten davon u leben vielleicht immer noch in der Vorstellung „Arzt =Reichtum“. Falls ja, dann leben Sie auf dem Mond, zumindest soweit es die Realität der Grundversorger betrifft.

Beleg: Spezialarzt-Praxen nehmen zu, Grundversorger-Praxen ab – wieso? Mehr dazu ganz unten in diesem Menüpunkt, Anhang 2.

 

Was kann/muss der (engagierte) Arzt tun, um nicht in den Durchschnitts-Bemessungshammer zu laufen?

> Abklemmen – oder weniger salopp: die Konsultationszeit kürzer halten.

Wirtschafltich vorgehen als Arzt heisst, wenn es dem Arzt klar ist (aber dem Patienten vielleicht noch nicht), die Konsultation abzuklemmen. Sonst bekommt er auf die Länge Probleme ... die Probleme des Patienten sind dadurch aber nicht gelöst. Das heisst, der Arzt geht aus dem Zimmer und der Patient hat seine Fragen offen. Einige Patienten schätzen ein eingehendes Gespräch (zuhören, fragen, erklären, motivieren). Diese kommen durch das Abklemmen zu kurz. Jedoch nerven sich andere Patienten, wenn es eingehend, genau, ausführlich wird. Die wollen’s ruckzuck. Für die stimmts dann.

> Günstige Patienten generieren.

Der Arzt kann vermehrt Notfalldienst machen, er kann eine Express-Stunde einrichten, er kann seine Patienten darauf aufmerksam machen, dass er auch kurze Behandlungen durchführt. Das sind alles logische Folgerungen aus der Durchschnitts-Bemessung.

> Besondere Ausführlichkeit als Selbstzahler-Leistung zur Verfügung stellen.

Wie sie oben erfahren haben, darf der Arzt gar nicht besonders ausführliche Besprechungen und  Behandlungen als Standard verrechnen (anbieten schon, aber nicht verrechnen). Der Patient kann aber, wenn er eine besonders individuelle aufwendige Lösung möchte, diese als Selbstzahler-Leistung mit dem Arzt vereinbaren. (Bedenke: die Behandlung hat sich auf das notwendige Minimum zu beschränken).  

> Wenn sich bei der întensiven Behandlung eines Patienten (beispielsweise wöchentliche Sitzungen von 30 bis 60 Minuten, was bei komplexen und hartnäckigen Leiden schnell der Fall sein kann) fortlaufende hohe Kosten ergeben und sich zusammen mit dem Patienten keine Kosten-Verteilungs-Möglichkeit finden lässt (er kann keine neuen günstigen Patienten beibringen, hat keine komplementäre Versicherung etc), dann müssen wir die Behandlung im Extremfall einstellen, so leid es uns tut. Das hat nichts mit asozialem Verhalten unsererseits zu tun. Viel mehr war das Engagement der vor uns involvierten Personen zu mager und damit asozial, weshalb sich ein so komplexer und hartnäckiger Fall über meist Monate und Jahre entwickeln konnte. Solche Fälle bekommen wir monatlich neu! Nocheinmal: die Regeln der Kosten-Durchschnitts-Bemessung kommen vom Kassenverband, nicht von uns. Also haben wir uns zu arrangieren. Wir könnten ja einfach zum Minimalisten werden, dann hätten wir sofort definitiv Ruhe. Das entspricht nicht unserer Philosophie. Komplexe Leiden lassen sich mit Minimalismus aber nie und nimmer lösen, sie wurden ja auch bisher mit kürzerem Treten nicht gelöst. Mit gutem Willen allerseits gibt es Wege, aber alle Parteien müssen etwas beitragen.

Deshalb sollen in derart schweren Fällen die Regeln zum voraus klar sein. Der Arzt muss sich letztlich selber schützen, wenn es ihn "verheizt", hilft ihm niemand - und er wäre ab dann auch inexistent für weitere Patienten.

  

UNSERE Möglichkeiten, uns nach KVG und Bemessungs-Perzentile korrekt zu verhalten.

Wir haben folgende Möglichkeiten, um die Bemessungs-Durchschnittskosten im Rahmen zu halten:

  •  Wir werden die Konsultations-Dauer zu Beginn der Sitzung begrenzen und uns möglichst an den Zeitrahmen halten und die Sitzung nicht "über die Massen" in die Länge ziehen.
  • Wollen wir ein überdurchschnittliches Sonder-Engagement bringen, sind wir als Gegenleistung von Ihnen darauf angewiesen, dass Sie uns neue Patienten mit ganz kleinen Leiden bringen. So sinken bei uns die Patienten-Durchschnittskosten.
  • Bei besonders aufwendigen Besprechungen und Massnahmen können wir diese leider aus den oben ausführlich diskutierten Gründen nicht mehr als kassenpflichtige Leistung anbieten, sondern müssen diese über die Naturmedizin (sofern das Leiden über diesen Weg angehbar ist und Sie ausreichend  in Naturmedizin versichert sind) oder  als Selbstzahler-Leistung verrechnen. Besteht weder eine Komplementär-Zusatzversicherung und fehlt die Bereitschaft zur Selbstzahlung, so müssen wir bei uns die Behandlung einstellen. Vielleicht finden Sie eine andere Adresse mit der Möglichkeit der Kostenbeteiligung durch die Kasse eventuell über eine andere Behandlungs-Methode.

Seien Sie sich bewusst: in vielen Praxen sind ausserordentliche Aufwendungen grundsätzlich überhaupt gar nicht erhältlich, auch wenn Sie bereit wären, diese selbst zu übernehmen. Und auch beim Therapeuten und Heilpraktiker liegt Ihr Selbstbehalt in jedem Fall höher.

 

Anmerkung des Praxis-Inhabers:

Schlussendlich müssen wir uns alle bewusst sein: diese Regelungen haben wir als Dienstleister uns nicht ausgesucht, wir haben uns diesen Zwängen klar unterzuordnen. Wenn wir meinen, diese Zwänge missachten zu können und mit dem Kopf voller Idealismus durch die Wand der Realität gehen zu können, sind wir schnell definitiv von der Bildfläche verschwunden und können Sie dann gar nicht mehr behandeln, weil die Praxis infolge Zeitaufwand für iuristische Gefechte und Substanz-Entzug wegen abschliessender erheblicher Rückzahlung an die Krankenkassen in der Grössenordnung von jeweils etwa 50‘000 bis 300‘000 Franken (und mehr) allen Ernstes Konkurs gehen würde. Zudem wäre nach solchen Abnützungskämpfen inklusive der Vor-Verausgabung durch jahrelange Überarbeitung infolge intensiver Patienten-Betreuung der Kampfgeist eines jeden Arztes definitiv erloschen.

Pikantes Detail: im Rahmen von Wirtschafltichkeits-Verfahren gegen den Arzt werden ethisch-medizinische Argumente unerbittlich streng ausgeklammert (das heisst Anteilnahme, Zuspruch [beides zeitintensiv] zugunsten des Patientenen zählt nicht als Begründung für Extra-Massnahmen)– es geht knallhart nur um wirtschafltiche Argumenten !; das wird von selbstbetroffenen Ärzten in geschlossenen Kreisen im periodischen Erfahrungs-Austausch glasklar berichtet.

 

Verlassen wir nun diese unangenehmen Szenarien (die aber doch einmal klar ausformuliert werden mussten).

Wir haben für Sie Möglichkeiten geschaffen, Ihnen trotz der Zwänge ein gutes Angebot zu präsentieren.

Das ist die gute Botschaft.

Anhänge zu brenzligen Einzelpunkten

Anmerkung 1:

à propos idealistische Gründe und wieso diese wirtschafltich gefährlich sein kann:

Bei einigen Ärzten sind es tatsächlich solche idealistische Gründe, das zeigen abgeschlossene Verhandlungen und Verurteilungen bei Ärzten; andere Ärzte haben sich aber auch über die Kassenleistungen unrechtmässig bereichert, das gibt es eben auch. Die Zeit ist längst vorbei, in der ein Grundversorger ohne Privat-Patienten (wir reden nicht von Spezialärzten) sich durch grossen zeitlichen und kräftezehrenden Einsatz (bei vielen Grundversorgern in der Einzelpraxis 12-15 Stunden täglich) ein rechtmässig erworbenes wirtschaftliches Sicherheits-Polster anhäufen konnte (75-80% fliessen sowieso in die Praxis-Infrastruktur und nicht zum Arzt, das ist eine langjährige Binsenwahrheit). Die meisten Laien haben diesbezüglich vollkommen überholte Vorstellungen. Lesen Sie bei Interesse hier weiter.

Die Preise und Margen sind speziell seit der Couchepin-Aera und danach massiv demontiert worden bis an die Grenze der Eigen-Rentabilität bei Labor und Röntgen, bei den Medikamenten sind die Preis für den Patienten erfreulicherweise gefallen, die Margen für den Arzt ebenfalls.

Womit bezahlt der Grundversorger seine Infrastruktur-Kosten wie Löhne, Mieten sowie x-welche Beiträge? Eben aus diesen Margen, die auf fast null gefallen sind (bei Labor und Röntgen), bzw auf wenig (bei den Medikamenten). Beachte: wenn der Arzt etwas an den Medis verdient, dann sind dafür die Tarife für ärztliche Handlungen in diesen Kantonen tiefer, weil der ja etwas von den Medis bekommt; die zeitaufwendige Bewirtschaftung des Medi-Parkes hat er aber zu erbringen). Der Blick über den Hag ist auch interessant: Die Tarmed-Gesprächs-Abgeltung liegt nur etwa einen Drittel höher als das Honorar beim Einperson-Therapeuten mit nur minimaler meist Einzimmer-Infrastruktur meist ohne stressige Notfälle, mit meist einer ruhigen Stunde beim gleichen Patienten, oft ohne Personal. Die Abgeltung liegt andererseits deutlich tiefer als beispielsweise beim Iuristen; beim Iuristen gibt es aber keine Verfalldatum-Risiken, keine aufwendige Bewirtschaftung eines Materialparktes (Verbrauchs-, Verbands-Material, Labor- und Röntgen-Material und keine 2wöchentliche zeit- und material-aufwendige Pflicht-Maschinen-Selbsttests etc).

Der Patienten-Kontakt (nur) für Hausärzte wurde wirtschaftlich übrigens minim aufgewertet, interessanterweise ging der gerechte Ansatz wiederum daneben: es ist NICHT die die Anzahl Zeit pro Tag über alle Patienten entscheidend, sondern die ZAHL der Patienten: der Hausarzt profitiert davon, wenn er viele Patienten kurz sieht ("durchschleust"), er profitiert unbedeutend, wenn er sich dem einzelnen Patienten länger widmet.


Anmerkung 2:
Grundversorger-Praxen nehmen ab, Spezialarzt-Praxen zu - wieso ?
A)  Kostenfrage:
Das breite Dienstleistungs-Spektrum in der Grund-Versorgung  ist deutlich   unrentabler:

>  weil die Infrastruktur breit sein muss und alle Einrichtungen gleichzeitig nur mässig ausgelastet sind, aber dennoch mit Qualitäts-Kontrollen (zeit- und kostenintensiv) aufwendig unterhalten werden müssen,

>  weil die politisch gewollte tiefere Abgeltung von Arzt-Leistungen vor allem auf die Grundversorgung abzielte und diese unverhältnismässig beschnitten hat (seit BR Couchepin sind die Vergütung von Labor, Röntgen, Medikamenten drastisch gefallen, beim Labor arbeitet der Grundversorger praktisch zum Null-Tarif),

>  weil die Grundversorger-Praxis personal-intensiv und damit teurer im Unterhalt (Löhne) ist,

>  die Tarmed-Abrechnung derzeit instrumentelle Massnahmen unverhältnismässig höher vergütet als das Gespräch und die organisatorischen Bemühungen für den Patienten, deshalb hören Sie oft den Spruch vom Spezialisten:“das erledigt Ihr Hausarzt“.

B)  "Leidensbereitsschaft"

Eine Grundversorger-Praxis ist von Natur aus hektischer (zumindest wenn für den Arzt nicht nur der Umsatz zählt), weil vorwiegend infolge breitem Spektrum dauernd verschiedenste Impulse und somit Unterbrüche eintrudeln (Telefonate, Fragen von innen und aussen) und sich der Arzt viel häufiger stören lassen muss. Der grössere Stress beginnt für den Assistenzarzt schon in der Krankenhaus-Ausbildung: meist jährlich arbeitet er sich als nobody in eine neue Materie ein, wechselt dabei oft Arbeits- und Wohnort.

C)  Mitarbeiter-Frage:

die Assistentinnen-Suche für eine Grundversorger-Praxis ist schwieriger,

>  weil die Assistentin einen viel breiteren Horizont (Können, Erfahrung, Materialpark, Medi-Spektrum-Breite etc) haben muss und sie tagsüber intensiver gefordert wird als in einer einfacher überschaubaren Spezialarzt-Praxis

>  weil jüngere Aussistentinnen (MPAs) oft diese hohe Tüchtigkeit für die Grundversorgung nicht mehr bieten können und nicht mehr wollen; sie suchen oft eine guten Lohn und einen ruhigeren Job bei einem frühen baldigen Feierabend.

Fazit:
deshalb ist die Grundversorger-Aktivität offenbar weniger interessant für jüngere Ärzte... ???  und die Rahmenbedingungen wurden gezielt unattraktiv gestaltet.
Änderungs-Versuche sind im Tun.... mit Betonung auf Versuche.